Roadbike

Giro delle dolomiti 2019 – Fazit und Gedanken zu neuen Features

Ich sitze im Zug und denke an den Giro. An die letzten 10 Tagen in Südtirol. Italien, Du warst wieder ein faszinierendes Pflaster. Tag für Tag. Etappe für Etappe. Genau wie vor 2 Jahren hast Du mich wieder in deinen Bann gezogen. Mit Deiner atemberaubenden Dolomiten-Kulisse, mit deinen herzlichen Helfern, die alles für uns Fahrer getan haben! So familiär. Und das bei knapp 600 Teilnehmern! Jeden Tag im Peloton fahren, durch die großen Städte Südtirols, durch die beschaulichen Dörfer, die Pässe erst rauf, dann wieder herunter. Das Ganze muss ich erstmal verarbeiten. Fangen wir damit an…

 

Der Giro als Fun Event…

Der Giro delle dolomiti ist in erster Linie ein „Spaß-Event“. Kein Wettkampf. Auch wenn es auf den ersten Blick eine sehr ambitionierte, mehrtägige Rennradtour zu sein scheint. Insgesamt spulen alle Fahrer 6 Etappen ab – knapp 650km und 11.000 Höhenmeter. Ja, die nackten Zahlen klingen wirklich krass. Doch die eigentlichen (Berg)Zeitfahren, die in die Gesamtwertung eingehen, umfassen gerade mal 65 km. Sprich 1/10 des Giros. Und diese Abschnitte muss man auch nicht „hochballern“. Wer lieber die grandiose Landschaft genießen möchte, bitte! Ist voll okay! Oben angekommen, wird auf ALLE gewartet. Erst wenn der letzte oben bei der anschließenden Verpflegungsstation angekommen ist, wird weiter im Peloton gefahren.

„Für viele ist es das perfekte Rennradevent. Der totale Radsportlifestyle.“

Ein bisschen wie Tour de France nachspielen. Oder was es besser trifft. Den Giro d’itlia. Das ist schon geil! Aber was man, vor allem die ambitionierten Wettkampfheißsporne, nicht vergessen dürfen: Der Großteil ist lockeres Pedalieren im Feld. Kein Wettkampf. Das würde mit 600 Teilnehmern auch gar nicht funktionieren. Die Organisation des Giro delle dolomiti ist nahezu top. Es gibt das Führungsfahrzeug, Begleitfahrzeuge, Motorräder mit technischen Support und mehrere „Labestationen“ pro Etappe. Eine Fahrbahnhälfte ist immer komplett für uns gesperrt. Motorräder fahren vor und leiten den Verkehr um, weisen uns auf die richtige Route. Du brauchst nur mitrollen. Wenngleich…

…zwei Aspekte selbst das „Rollen“ im Feld anspruchsvoll machen können. Zum einen wäre da der Ziehharmonikaeffekt. Hast Du sicher schon mal von einem Kommentator bei einer Radsportübertragung im TV gehört. Wenn ein Fahrerfeld auf einer Kurve zusteuert, staucht sich das Feld, die ersten fahren in die Kurve und beschleunigen wieder. Der Rest rollt erst noch an, muss bremsen und dann wieder antreten. Da die vorderen aber bereits wieder Schwung aufgenommen haben, müssen die hinteren mehr Leistung investieren, um dran zubleiben.

„Pro Tipp: möglichst immer vorne bzw. im ersten Drittel fahren. So umgehst Du die hohen Wattspitzen nach Kurven oder Hügeln.“

Zum anderen wären da noch die 11.000 Höhenmeter verteilt auf die 6 Etappen. In der Reflexion muss ich mir eingestehen, ein bisschen den Aufwand abgewertet zu haben. Erst in Gesprächen mit anderen Teilnehmern, Familie und Freunden wird mir klar, dass das allein für so manchen eine echte Herausforderung darstellt. Und wenn ich so zurückdenke, zum Beispiel an mein Ritt hoch zum Fuschl Törl 2015, dann erinnere ich mich doch noch sehr gut daran, wie tough es war, erstmal mehr als 10 Kilometer am Stück steile Berghänge hochzukurbeln. Wer das nicht gewohnt ist, oder bei wem die Grundlagenausdauer nicht so ausgebildet ist, nun ja, der bzw. die jenige hat zu tun, das tägliche Pensum an Höhenmeter durchzupushen.

Zumal noch ein dritter Aspekt das Ganze erschwert: die Hitze! Fast jeden Tag war es enorm heiß und schwül. Im Feld zu fahren ist nach einem langen Tag im Sattel auch nicht das angenehmste. Dort staut sich die warme Luft noch mehr. Meinen vollsten Respekt den älteren Teilnehmern, die dem Profil und den Temperaturen getrotzt haben!

Doch das soll kein negativer Abriss sein. Vielmehr ein objektives Fazit (sofern das überhaupt geht), sodass du genau abwägen kannst, ob der Giro delle dolomiti was für dich sein könnte. Denn die Organisatoren planen bereits jetzt die nächste Version für 2020!

Ich denke für die meisten Teilnehmer ist es ein echtes Highlight im Jahreskalender. Viele nehmen seit Jahren daran teil. Freuen sich auf die Giro-Woche, auf den „Aktivurlaub“ – vielleicht ist sogar die ganze Familie dabei? Selbst wenn nicht auf dem Rad, lässt sich der Giro sehr gut mit dem Jahresurlaub verbinden. Fast jede Etappe startet und endet in Bozen. Organisatorisch einfach top!

 

Der Giro als Trainingsreiz

Jetzt kennst Du das Szenario des Giro delle dolomitis. Wenn Du Dir nochmal alle Etappen im Detail anschauen möchtest, findest Du hier den passenden Blogbeitrag dazu.

Wir, mein Cousin und ich, haben auf jeden Fall das Fazit gezogen, dass diese Woche wieder ein satter Trainingsreiz war. Erstmal die Stundenzahl im Sattel an sich. Für meinen Teil kann ich sagen, dass ich neben den vielen Wattpeaks und dem Rollen viel Grundlagenausdauer fahren konnte. Hinzukommen die Zeitfahrabschnitte, die ich nahezu komplett am Anschlag gefahren bin. Insofern war das, und im Besonderen das flache Zeitfahren zum Schluss, ein guter Trainingsreiz.

2017 war der Giro meine letzte, spezifische Vorbereitung für den Ötztaler Radmarathon. Dieses Jahr war es eher ein Mix aus Fun-Event, Urlaub und Genuss – einfach den puren Radsportlifestyle leben zu können. Dass die Woche jetzt nicht unbedingt die beste, unmittelbare Vorbereitung für den Berlin City Triathlon war, ist mir klar. Aber ich hatte halt mega Bock drauf! Und am Ende des Tages sind wir ja keine Profis. Machen das Ganze zum Spaß! Und wer meine Instagram Storys erfolgt hat, weiß, dass zu den vielen Stunden im Sattel noch die ein oder andere Trainingssession im Pool bzw. in den Laufschuhen dazukam! Man muss es nur smart verbinden! Etwa gleich früh laufen (weil Dich die Hitze in Bozen sonst tötet….), oder erst kurz vor „Toreschluss“ im Lido-Freibad mit dem tollen 50m Becken schwimmen gehen (weil es sonst einfach zu voll ist).

 

Was den Giro noch geiler machen würde…

Auch wenn der Giro delle dolomiti bereits ein nahezu perfektes Radsportevent ist, könnte man noch an der ein oder anderen Schraube drehen, damit es noch epischer wird. 3 Dinge kommen mir da in den Sinn…

Täglich 2 Gruppen!

Richtig geil wäre es, wenn ab einem bestimmten Punkt, etwa nach dem ersten, längeren Pass, das Feld zweigeteilt werden würde. Dann gibt es eine „schnelle Gruppe“, für die, die ambitionierter unterwegs sind und nicht 45 Minuten und länger auf den Rest warten wollen. Diese Gruppe fährt danach ein höheres Durchschnittstempo, was natürlich trotzdem von einem der zwei Führungsfahrzeuge und 1-2 Motorräder geleitet wird. In Dieser Gruppe reicht es nicht, einfach nur mitzurollen. Hier wird mit Druck gefahren. Ein bisschen geballert, könnte man sagen! Wenn es die jeweilige Situation zulässt könnte man kleine Zwischensprints bzw. Ortschildsprints zu lassen.

Währenddessen sammelt sich der Rest des Fahrerfeldes und rollt gemeinsam wie üblich zurück Richtung Bozen. Ganz entspannt ohne den Wettkampfcharakter. Je nach Gusto – oder Tagesform – kann man sich täglich für eine der beiden Gruppen entscheiden.

Das wäre ein sehr geiles Update! Natürlich sehe ich den organisatorischen Aufwand, der dadurch entstehen würde. Man müsste noch mehr Begleitfahrzeuge und Motorräder einstellen, länger die Straßen absperren – ob das realistisch ist? Man darf es bezweifeln. Aber träumen darf man auch… 😊

Ein abwechslungsreicheres Buffet

Ja, das ist Nörgeln auf ganz hohem Niveau! Und damit meine ich auch nicht das tägliche „Mittagessen“, dass stets zwei volle Mahlzeiten plus Wasser, Apfel und einem Dessert umfasst. Vielmehr geht es mir um die 1-2 Verpflegungsstationen, bei denen Kuchen und Co angeboten wird. An den ersten beiden Tagen mag es noch munden – da schmeckt selbst das dritte und vierte Stück des süßen Fertigkuchens. Aber irgendwann sehnt man sich nach mehr…

Das gab es an den Labestationen:

  • Fertigkuchen (1-2 Sorten)
  • Weiße und dunkle Kekse
  • Parmesan-Würfel
  • Bananen und Apfelstückchen (manchmal)
  • Manchmal Melone (manchmal)
  • Getrocknete Rosinen
  • Tee, Wasser, Cola und Iso

…das würde ich mir außerdem wünschen:

  • Kaffee !!
  • beschmierte Stullen? 😀
  • 1-2 Riegelsorten des kooperierenden Sponsors?
  • Eventuell Gels und/oder Salztabletten oder anderes Salzgebäck
  • Noch mehr frisches Obst

Es muss auch nicht auf jeder Etappe alles geben, der Mix und die Abwechslung macht es!

„Warum es keinen Kaffee gab, verstehe ich bis heute nicht…“

Zumal Filterkaffee leicht und schnell gemacht ist. Und hey, immerhin ist das ein Radsportevent. Wie kann da Kaffee fehlen? 😀

Mehr Socializing-Angebote nach den Etappen

Meist läuft es täglich so ab: Man rollt gemeinsam zurück nach Bozen. Dann folgt der „Spaghetti-Sprint“ um die vorderen Plätze in der Schlange für das Mittagessen. Das sieht echt ulkig aus: Erst arbeitet man sich unbemerkt immer weiter nach vorne im Feld. Kurz vor Schluss werden alle immer schneller und nervöser 😉 Jetzt springen sie vom Rad, schnell wird in Tippelschritten sein Rad abstellt und dann avanti zur Mittagsausgbe. Hätte ich mal filmen müssen! Da kommt mir spontan der Gedanke, eine dritte Warteschlange für das Mittagessen aufzumachen? Dann müsste der Großteil nicht so ultralange auf sein Essen warten. Das Problem wäre ja zum Beispiel gelöst, wenn man zwei Gruppen hätte…

Auf jeden Fall läuft es dann so ab, dass alle in der großen Messehalle futtern, man schnackt noch kurz hier und da und dann düsen alle in ihre Unterkünfte.

Cool wäre es doch, wenn später am Tag noch etwas „Event“ angeboten werden würde. Zum Beispiel eine Lounge mit Liegestühlen, wo man entweder direkt nach der Etappe oder am Abend entspannt ein kühles Getränk zischen kann. Vielleicht sogar mit Live-Dj. Und am letzten Abend könnte man die Siegerehrung zusammen mit einer Party schmeißen. So wäre es doch viel cooler. Die Fahrer ausnahmsweise wären mal nicht in ihren verschwitzen Sportklamotten, man feiert erst die Besten und dann zusammen durch die Nacht!

***

Giro, wir werden uns definitiv wieder sehen! Eventuell nicht gleich nächstes Jahr, aber ich verspreche, dass es ein Comeback geben wird. Ausschließen möchte ich aber auch nichts. Wer weiß, vielleicht brauche ich 2020 die zahlreichen Höhenmeter als spezifische Vorbereitung für ein anderes, großes Radsport- oder Triathlonevent? Die Zeit wird zeigen was passiert. 

In diesem Sinne: Arrivederci Giro, Arrivederci Südtirol! 🙂

 

 

 

 

 

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28 Jahre, Freigeist und sportbekloppt. Hat irgendwas mit Marketing studiert, um dann doch auf den journalistischen Zug aufspringen zu wollen. Passionierter Triathlet ist er auch noch. Seine Leidenschaft zum Sport und zum Kreativen lebt er jetzt bei Swimazing aus. Hier findest Du ab und an Texte über seine sportliche Reise zum Triathlon Olymp. Gut, da wird er nie hinkommen. Aber er bleibt dran und hat vor allem eins dabei: Spaß.

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