Florian Bögge auf der Ziellinie beim Ironman Mallorca
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Interview mit Triathlet Florian Bögge | Über seine Hawaii-Quali, Schwimmflügel und wie er das härteste Radrennen der Welt gefinished hat

Foto: Marcel Hilger

Noch knapp 48 Stunden bis in Kailua-Kona der Kanonenschuss fällt und sich die weltbesten Langdistanz-Triathleten ein episches Battle um die Ironmankrone liefern. Neben den Pro’s fighten tausende Agegrouper um gute Plätze respektive um ihre Träume, Visionen und Prestige. Nicht zuletzt, um für sich den perfekten Saisonabschluss zu kreieren. Genau das wird das Motto 2017 von Florian Bögge sein. Er hat die Hawaii-Qualifikation jetzt schon eingetütet. Beim Ironman Mallorca finishete er in 9:10h und wurde damit zweiter in seiner Altersklasse (25-29). Im vierten Teil der „Interview mit“-Rubrik erzählt Florian über die Ironmanvorbereitung, seinen Background als Radfahrer und wie er zum Triathlon gekommen ist. Außerdem plaudert er darüber, wie es sich anfühlt, beim härtesten Radrennen der Welt – dem Race Across America – am Start zu sein und erzählt von den krassesten Momenten. Und wenn wir schon den Stories eines Radspezis lauschen, wäre ein Insidertipp für’s Training natürlich phänomenal – welche Lieblingseinheit er für die zweite Disziplin regelmäßig abspult, erfährst Du jetzt! Viel Spaß. 

Hey Florian, heute schon trainiert?

Florian: Hey Sören, ja 6:30 Uhr ging´s ins Wasser. Definitiv zu früh für mich.

Wie geht‘s Dir physiologisch, aber vor allem auch mental, seitdem Du beim Ironman Mallorca die Hawaii-Quali für 2017 klar gemacht hast?

Körperlich habe ich das Ganze echt schnell weggesteckt. Die Tage danach am Meer haben da sehr geholfen. Mental war es der totale Overload. Klar bin ich nach Malle gefahren, um mir Kona zu sichern. Natürlich kommuniziert man das nicht so offen vorher, damit der Druck tief bleibt. Aber das es am Ende so geklappt hat, wie ich es mir vorgestellt habe, war schon echt unglaublich. Ich habe eine Woche gebraucht, um es wirklich zu realisieren, dass der Plan aufging. Aber jetzt bin ich mental nicht nur fit, sondern aggressiv.

GEIL! Nimm uns doch mal kurz mit – wie sah Deine wöchentliche Vorbereitung in den letzten Monaten aus? Hast Du einen Trainer oder trainierst Du in einer Gruppe?

Ich steuere alles selber und habe keinen Trainer. An meinem Studienort gibt es leider keine richtige Triathlon-Szene, sodass ich zu 95% alleine trainieren muss. Aber ich habe eine kleine Schwimmgruppe und einen guten Tempolaufpartner.

Auf dem Bike ging die Kette oft nach rechts. Unterm Strich habe ich meinem Körper immer mal häppchenweise das gewünschte Wettkampftempo serviert und er hat mir gesagt, wie ihm das so schmeckt.

Die letzten 8 Wochen sind ja die elementaren Wochen und ich habe zugesehen, dass ich kein Training verpasse. 4 – 5 Mal die Woche ins Wasser, 60 – 70 Laufkilometer, da habe ich viel mit negativen Splits gearbeitet. Auf dem Bike ging die Kette oft nach rechts. Unterm Strich habe ich meinem Körper immer mal häppchenweise das gewünschte Wettkampftempo serviert und er hat mir gesagt, wie ihm das so schmeckt.

Vor Deinem Coup auf Kona, konntest Du bei einigen prestigeträchtigen regionalen Triathlons, z. B. beim Knappenman oder Werbellinsee, Treppchenplätze verbuchen – Hast Du Dein Training speziell umgestellt oder warum tauchst Du davor kaum in den Ergebnislisten auf?

…Und den Havelhammer (Anmk. d. Autors: Havelberg Triathlon) gewinnen. Das waren auch alles Tri’s, die ich als Vorbereitung für Malle gemacht habe. Aber ja – ich mache eigentlich erst seit diesem Jahr so richtig Triathlon. Davor war ich Radsportler und probierte mich immer mal zwischendurch im Triathlon aus. Mein Training war eher Bewegungstherapie anstatt produktives Arbeiten. Jedoch hat sich das seit Oktober 2015 geändert. Mit Erfolg!

Der Grund für Deine starke Bike-Performance geht sicherlich auf Deine Vergangenheit im Rennradsport zurück. Du darfst Dich z. B. offiziell als RAAM-Finisher betiteln und warst in einem Amateur Radsport-Team. Wie kam dann der Wechsel zum Triathlon?

Ja, ich bin Herzblut-Radsportler und liebe diesen Sport immer noch sehr. Nach meiner Sportschulzeit bis 2010 hatte ich dem Unileben Vortritt gelassen, hatte jedoch mit LeXXI (Amateur Team) 2012 wieder angefangen zu trainieren. Dort wurde mir der professionelle Umgang mit Wattdaten vermittelt und ich konnte mich wieder etwas mehr austoben. 2012 habe ich auch meinen allerersten Triathlon probiert: 70.3 Malle. Dann hatte ich das Glück, durch einen Kumpel mit zum RAAM zu fahren und so stand 2013 wieder nur das Radfahren auf dem Programm. Danach hatte ich wieder Bock auf was Verrücktes und meldete mich spontan (45 Tage vorher) bei einer Langdistanz an und zog das ohne richtige Vorbereitung á la Joe Kelly durch. 2014 wollte ich bei den Männern nochmal Radrennen gewinnen und tat das auch.

„Der krasseste Moment beim RAAM war im Nachhinein sicherlich in Kansas, als sich ein Tornadogebiet zusammengebrodelt hatte und wir dann da abends reingeballert sind.“

Im Winter 2014/15, hatte ich privat einige Rückschläge, welche mich aus der Bahn geworfen haben. Daraufhin war ich auf der Suche nach etwas Neuem. So unterstützte ich marketingtechnisch in der ersten Hälfte 2015 ein professionelles Frauenradsport-Team, trainierte nicht, schaute dafür mal über den Tellerrand. Mitte 2015 hab‘ ich mir dann gesagt: “Okay, Triathlon soll es werden, aber diesmal richtig!“. Da die Saison schon halb rum war, trainierte ich zwar, aber verschob meine Ambitionen auf 2016 und versuchte so eine gute Ausgangslage für den Trainingsbeginn im Oktober 2015 zu schaffen.

Da möchte ich nochmal kurz einhaken. RAAM sagst Du,  wie kam es dazu, dass Du Dich für eins der härtesten Radrennen der Welt angemeldet hast und was war der krasseste bzw. welcher der schlimmste Moment?

Der Vater meines Kumpels wollte das schon immer mal machen. Da er nicht der Sportlichste war, hatte er vor, das ganze Ding in einem 4-Mann-Team zu rocken. Ich hatte Glück mit ins Team zu rutschen. Das Ding ist so groß, mit so vielen Facetten…  In einer Woche 4.800Km durch Amerika zu radeln – eine megageile Erfahrung! Der krasseste Moment war im Nachhinein in Kansas, als sich ein Tornadogebiet zusammengebrodelt hatte und wir dann da abends reingeballert sind. Es gibt Videoaufnahmen, wie ich mit 40km/h auf dem Rad sitze, am ganzen Körper Gänsehaut und vorne blitzt und donnert es wie blöde. Wenn Du da mal den Kopf zur Seite gedreht hast, war das keine gute Idee. Ich sah im wahrsten Sinne des Wortes schon die Tornados am Boden tänzeln. Weltuntergangsstimmung und ich fahr‘ mitten rein. Härtet ab sowas.

Der schlimmste Moment war davor. Am dritten Tag hatte ich schon so ein Schlafdefizit mit in die Rocky Mountains genommen, dass ich mich auf dem Rad selber schlagen musste, um wach zu bleiben. Das war körperlich, aber vor allem auch mental, sehr brutal und ging dann beim Wechsel auch emotional sehr tief bei mir rein. Aber es hat mir alles sehr geholfen, mich menschlich weiter zu entwickeln, aber auch um mich besser kennen zu lernen und die Kopf- Körperverbindung ganz neu zu verstehen.

Wow. Das lass‘ ich mal so stehen und wirken…

In dieser Interview-Rubrik gebe ich meinen Lesern und Leserinnen gern den einen oder anderen Insidertipp mit. Würdest Du uns eine Deiner Lieblingseinheiten fürs Radtraining verraten, welche Du so oder so ähnlich trainierst?

Jeder Radsportler würde jetzt sagen: „Die Bäckerrunde!“ (grinst)

Aber ihr wollt ja was Produktives erfahren! Ich lasse es wirklich gern krachen auf dem Rad. Der kurze Klassiker zur Selbst-Massakrierung:

Warmfahr-Programm:

  • 10 min Einfahren GA1 – Watt
  • 5 min Trittfrequenzwechsel  GA2-Watt (1 min @110 rpm/1 min @90 rpm)
  • 3 min GA 1
  • 2 min EB Bereich
  • 5 min GA 1

Hauptprogramm:

  • 5 x 5 min EB mit 10 min Pause@ GA1 Watt
  • 2 x 30 min Sweetspot
  • 30 min ausfahren – alle 10 min um 20 Watt runter vom GA1 bsp. 220/200/180

Da gibt’s natürlich noch viel spezifischere Einheiten, je nach Saisonpunkt, Leistung und Ziel, aber die hier wirkt immer. Deshalb mag ich sie.

Danke für diesen Insidertipp!

Jetzt sind es noch knapp 12 Monate bis der Kanonenschuss in Kailua-Kona fällt. Schon konkrete Pläne, wie Du Dich darauf vorbereiten wirst?

Definitiv. Mein Sportjahr 2017 ist genau wie 2016 von Uni und Arbeit abhängig, aber ich will mich Anfang des Jahres ins Ausland absetzen und mal wieder woanders trainieren. Eventuell schon ein frühes Rennen machen. Kona soll die einzige Langdistanz sein und ist definitiv Hauptziel der Saison, aber ich werde mich auch in Sachen 70.3 ein wenig austoben und ebenso die regionalen Sachen mitnehmen. Bedeutet: Es soll ein langer konstanter Aufbau werden, ähnlich wie 2016. Da ich notorischer Nichtschwimmer bin, gibt es bei der ersten Disziplin besonders viel Arbeit zu verrichten, auf die ich mich aber verdammt freue!

„Notorischer Nichtschwimmer“? Du schwimmst die 3,8km locker unter einer Stunde. Aber man kann ja bekanntlich nie genug trainieren…

Naja mein Ziel ist es zu zeigen, dass ich Triathlet bin und kein Radsportler, der sich mal Laufschuhe angezogen hat und ein bisschen so tut als ob. Ich will ein kompletter Athlet werden.

Machen wir eine Zeitreise und lassen das Kopfkino spielen: Es ist der 15. Oktober 2017, in den lokalen Sportnachrichten kommt ein Beitrag über Dich beim Ironman Hawaii – wie lautet die Schlagzeile?

„Fabian Brogge beim Triathlon in Down Under!“ Unsere lokale Sportzeitung steht auf gute Verschreiberlis. (lacht)

Und was ist das ultimativste Ziel oder Gefühl, welches Du Dir in den nächsten Jahren ausmalen kannst?

Das ultimativste Gefühl, ist es sicherlich Vater zu sein. Irgendwann.

Das ultimativste Ziel: Pro zu sein und das machen zu dürfen, was man liebt, auch wenn man dafür zehnmal so hart arbeiten muss wie alle anderen. Ich denk, das lohnt sich.

Und welche Frage hätte ich Dir sonst noch stellen sollen?

Deine Fragen waren sehr gut, Du hast die klassischen „Wer ist dein Vorbild“-Fragen gut umgangen.

Hey Florian, besten Dank, dass Du Dir die Zeit für’s Interview genommen hast. Ich drücke Dir sowas von beide Daumen für Kona und überhaupt für 2017 und darüber hinaus.

Das obligatorische Cool Down  – 10 Wortschnipsel, 10 Gedanken

Leidenschaft…  wenn Du an etwas denkst und die Gänsehaut sofort kommt.

Lieblingsmahlzeit…  meine Frühstücksbowl mit frischen Früchten und Quark.

Material im Triathlon…  ist faszinierend, lässt meine Augen leuchten aber Portmonee bluten. Für viele Leute, besonders für Studenten, leider schwer zu finanzieren.

Vorm Schwimmstart…  unbedingt nochmal auf’s Klo gehen, am besten im Hotel 😀

Dein schönster Moment im Sport…  das stolze Leuchten in den Augen meiner Mutti.

Sonntagmorgens…  Shit, heut wird’s hart! Kühlschrank leer – vergessen einzukaufen 😀

Mit oder ohne Neo…  Ich bin eine Bleiente. Neo hilft. Besser noch Schwimmflügel!

Wenn kein Training ansteht…  Uni oder Arbeit. Aber am Liebsten Sauna!

Mein Trainingsbuddy…  = best Buddy! Er wird nächstes Jahr wieder 35min auf 10k laufen und ich werde ihn sowas von anfeuern!

Glück…  gehört wohl immer dazu. Ich sag oft: „Da hab ich wieder mehr Glück als Verstand gehabt.“

über

27 Jahre, Freigeist, sportaffin und Student der irgendwas mit Marketing studiert hat. Passionierter Triathlet ist er auch. Auf dem Sportsfreund Blog bloggt er rund um den Triathlonkosmos, philosophiert über Trainingsstuff- und den Lifestyle. So Stay tuned.

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