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Everesting statt Triathlon

„Genieß es“, ruft sie mir zu. Vor mir strahlt ein kunterbunter Regenbogen. Der leichte Nieselregen fühlt sich extrem angenehm an. Ein Glücksmoment, obwohl mir mein Körper sekündlich Schmerzsignale sendet. Über 10 Stunden im Sattel. Die Gefühle spielen Achterbahn. Ich mache den „Hangloose“ Gruß in Richtung meines Support Teams. Dann rolle ich ein letztes Mal los, 13 Kilometer bergab. Um ihn, meinen Endgegner, im Anschluss ein neuntes Mal hoch zu klettern. Es ist der 28.06.20. Mein Everesting Tag*. Mein Saison Highlight. Ein Rennbericht. Oder so etwas in der Art.

*eine Bilderauswahl findest Du unter dem Beitrag

Die Vorgeschichte…

Dass ich einen Beitrag über das berüchtigte Everesting schreibe, hätte ich vor dieser Triathlon Saison auch nicht gedacht. Ich wusste bis dato noch nicht einmal etwas davon. Ok, doch. Da war mal was mit Jens Voigt. Aber wirklich wahrgenommen hatte ich das nicht. Bis der ganze Corona Wahnsinn losging…

Auf einmal stürzte die Triathlon Saison wie ein Kartenhaus zusammen. Quasi über Nacht war erst das Schwimmtraining nicht mehr möglich. Nach und nach hagelte es Wettkampfabsagen. Triathlon fand nicht mehr statt. Natürlich hat(te) das alles seine Berechtigung. Aber wenn wir mal ehrlich sind, war und ist es für uns alle eine verdammt bittere Pille.

Aber den Kopf in Sand stecken macht ja auch keinen Sinn. Neue Ziele mussten her. Da bekam ich wieder Wind von dieser berüchtigten Radchallenge – dem Everesting. Worüber wir sprechen? 8.848 Höhenmeter an einem selbst auserwählten Berg mit dem Rad hochfahren – am Stück! Quasi einmal den höchsten Berg der Welt, den Mt. Everest, erklimmen. Sagen wir so: Es gibt definitiv leichtere Ziele! Erst recht, wenn man eher in der Triathlonwelt und in Brandenburg zuhause ist. Schöne Grüße aus dem Flachland!

Aber wie es oft so ist – wenn die Fluse einmal im Oberstübchen herumsaust, is‘ das Ding nicht mehr loszukriegen. Man MUSS es machen 😀

Die Vorbereitung bis zum Tag X

Gut, der Gedanke des Everstings war gepflanzt. Jetzt ging es an die Planung. Erstmal Google und Youtube anschmeißen. Ciao, es gibt sogar eigene Website für die Challenge, inklusive einem Kalkulator, wo man zahlreiche Daten eingeben kann, um seine ungefähre Endzeit ausgerechnet zu bekommen. Die ersten Spielerein ergeben mal 12, mal 13 Stunden. Klingt viel, dachte ich. Da wusste ich noch nicht, wie krass ich das Ganze später noch unterschätzen würde. Auf jeden Fall würde es meine bis dahin längste und härteste, sportliche Herausforderung werden. Noch härter als der Ötztaler Radmarathon 2017.

Irgendwann hatte ich dann zwei Berge zur Auswahl. Option 1: Die Großglockner Hochalpenstraße. Konkret: 12km von der Mautstation in Ferleiten bis hoch zum Fuscher Törl. Option 2: Knapp 13 KM von Lend hoch zum Filzensattel (Hochkönig-Panorama). So oder so zwei Routen, die in erster Linie geile Szenerien bieten. Aber sind sie auch Everesting geeignet?

Nicht wirklich! 😀 Zumindest nicht für mich. Aber dazu später mehr.

Zeitsprung. In Zell am See angekommen erkundeten wir die Tage vor dem Showdown die zwei Berge. Zunächst probierten wir die Großglockner Hochalpenstraße. Relativ schnell musste ich mir eingestehen: „Sören, hier willst du kein Everesting machen“. Zu steil, zu hochgelegen und damit wetteranfällig.

Noch 48 Stunden bis zum großen Highlight. Heute geht es nach Lend. Knapp 20 Minuten Anfahrt mit dem Auto. Auf Google Maps und Strava gucke ich mir vorher eine kleine Brücke am Fuße des Filzensattels aus. Das Supportteam hinter mir im Begleitfahrzeug. „Hier rollt’s sich echt gut“, denke ich mir. Der überwiegende Teil der Steigung ist moderat. Nicht mehr als 7%. Zumindest bis Dienten. Danach geht es an einem Kreisverkehr vorbei. Jetzt kommt der Schlussanstieg. Ein saufieses Stück mit 13-14%.

Ciao! Mit meiner Kurbel-Kassetten-Übersetzung ist das nix. Auch wenn ich kurz vor Abfahrt nach Österreich noch einmal von 11-28 auf 11-32 hinten umgesattelt habe, reicht das zusammen mit der Semi-Kompakt Kurbel einfach nicht. Zu wenig Gänge! Ich trete eine ganz dicke Mühle! Schon hier hätte mir klar sein sollen, dass das auf die Dauer keine gute Idee ist. Aber das Panorama…das Antlitz des Hochkönig Massivs ist einfach zu krass. Und es ist ja auch nur ein Testlauf. Ich bin frisch und lasse mich am Ende von der Aussicht und der Vorfreude auf das Everesting verleiten – ich entscheide mich, dass sehr steile Schlussstück in der Route drin zu lassen.

Damit sind wir bei knapp 13km mit 600hm pro Anstieg. Im Testlauf habe ich knapp 50min hoch gebraucht. Runter in etwa 15min. Mit 3-4 Pausen sollten die 8.848hm vor Abendeinbruch im Kasten sein…

Ich Narr!

Mein Everesting Versuch

3:14 Uhr, der Wecker klingelt. Ich bin schon wach. Sind das die „Pre-Race-Vibes“? So etwas wie Wettkampfaufregung? Es ist stockdunkel draußen. Am Vorabend habe ich bereits alles vorbereitet und abfahrbereit hingelegt (siehe Fotos weiter unten). Jetzt erstmal den „Mörtel“ anrühren. Ich schütte ordentlich Haferflocken in einen Topf. Wasser rein. Ein paar Apfelstücke, Banane, Walnusskerne, Zimt, eine priese Salz, einen gutgemeinten Löffel mit Honig und etwas Kokosfett komplettieren das Frühstücksmahl. Dazu Kaffee. Was auch sonst. Wirklich genießen kann ich es heute nicht. Zu aufgeregt. Zu vorfreudig.

4:25 Uhr – eigentlich wollten wir jetzt bereits los gefahren sein. Mein angedachter Start war 5 Uhr. Aber gut, es ist ja kein echter Wettkampf und am Ende soll es ja für alle passen. Auf eine halbe Stunde früher oder später kommt es heute nicht an. Auch wenn der Faktor Zeit an diesem Tage in der Tat mein Feind werden würde. Wie auch immer. Irgendwann gegen dreiviertel fünf geht’s los. Im Radio laufen die guten alten Hits aus den 70ern und 80ern. Gute Laune am Start!

5:25 Uhr – 3,2,1 Start!

Wahnsinn, jetzt beginnt der Spaß! Vor mir liegen 8.848 Höhenmeter. 14 bis 15 Mal den auserwählten Berg hoch. Aber an diese Gedankenspiele darf ich jetzt gar nicht denken. Step by Step. Kurbelzug um Kurbelzug.

Die ersten beiden Wiederholungen rollen sich easy weg. Oben am Filzensattel hat sich mein M&M Supporterteam platziert. Im Team vertreten: Mum und „Manki“. Die zwei wichtigsten Menschen in meinem Leben. Der perfekte Support für diesen Tag! Beide sind ebenso motiviert und aufgeregt. Man könnte sagen, dass es ein komplett bescheuertes Sportunterfangen ist. Warum sollte man so oft immer wieder denselben Berg hoch und runter juckeln?

Aber so ist das halt mit den Zielen. Selten sind sie leicht zu erreichen und vernünftig. Es muss halt meistens irgendetwas verrücktes sein.  Und so schwappte mit der Zeit und meinen Erzählungen von meinem Vorhaben der „Funke“ auf die beiden über. Wir alle sind heiß auf die Challenge.

Salami Brot statt Zuckergels…

Oben angekommen tausche ich meine Trinkflasche. Dazu gibt es einen Riegel, 1 Gel und ein Stück des selbstgemachten Bananenbrots. Wir hatten es am Vortag gebacken und anschließend in kleine Alufoliestücken verpackt.

Zeitsprung. Mittag rum. Es ist brutal heiß. Ich weiß, dass ich mehr trinken müsste. Das ganze Zuckergedöns kann ich inzwischen auch nicht mehr sehen. Ungeplante Toiletten- und Plattenstopps haben meinen angedachten Zeitplan längst „gefoppt“. Knapp 7 Stunden bin ich jetzt im Sattel. Alles zwickt. 4.000 Höhenmeter sind im Tank. Die Sache ist nur: Das ist noch nicht einmal die Hälfte!?!

Ciao!

Die Beinmassage meiner Freundin ist Gold wert. Erstmal kurz im Café in Dieten stärken. Kurz vor der Weiterfahrt gibt’s noch ein bisschen „Chamoiscreme“ in die Buchse! 😀 Die ist auch Gold wert! Ein Hoch auf solche Sitzcremepasten…

Nächster Zeitraffer. Beide Beinbeuger jammern jetzt ohne Pause. Der Wiegetritt? Zu gefährlich, weil Krampfgefahr! Starr auf dem Sattel hocken? Auch nicht viel geiler.

Immerhin das selbst geschmierte Käse-Salami-Brötchen ist jetzt ein Highlight. Schmeckt krass!

Na gut, wollen wir das Ganze nicht unnötig in die Länge ziehen. Trotz allem muss ich kurz nach 19 Uhr und knapp 5.600 Höhenmeter einsehen: Nichts geht mehr! Energetisch ciao! Muskulär sowas von CIAO!

Und hey, am Ende des Tages ist das hier alles nur Freizeit und Bonus und mein Support Team hat auch den ganzen Tag in der Hitze gemacht, geackert, GEWARTET, mitgefiebert – alle wollen jetzt vielleich noch was vom Tag haben und gemeinsam bei einem kühlen Getränk und geilen Snacks den dann trotzdem genialen Tag ausklingen lassen.

Am Willen ist es nicht gescheitert. Und ey Everesting, mein lieber, ich komme wieder. 1:0 für Dich.

Meine Learnings vom Everesting

Klar, habe ich es an diesem Tag nicht ganz geschafft, dennoch aber viele Erfahrungen sammeln können. Deshalb möchte ich Dir meine Learnings von meinem Everesting Versuch folgend kurz auflisten. Gern kannst Du sie in einem Kommentar erweitern oder deine Everesting Erfahrungen mit uns teilen.

  • lieber einen kürzeren Anstieg mit moderaterer Steigung um 6-8%
  • bei mehr Prozenten am besten eine Kompaktkurbel und hinten mindestens ein 32er, besser ein 34er Ritzel.
  • die ersten Wiederholungen bewusst sehr locker angehen
  • vor dem Durstgefühl trinken und alle 30min etwas kleines snacken
  • wenn möglich vorher bergig trainieren, um den Muskelapparat an die monotone Belastung zu gewöhnen
  • runter zu nicht zu hart fahren aber auch nicht nur die Beine hängen lassen. Der Kreislauf muss aktiviert bleiben
  • auch an herzhafte Snacks denken, da Industriezucker nach +5h irgendwann „semigeil“ schmeckt…

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28 Jahre, Freigeist und sportbekloppt. Hat irgendwas mit Marketing studiert, um dann doch auf den journalistischen Zug aufspringen zu wollen. Passionierter Triathlet ist er auch noch. Seine Leidenschaft zum Sport und zum Kreativen lebt er jetzt bei Swimazing aus. Hier findest Du ab und an Texte über seine sportliche Reise zum Triathlon Olymp. Gut, da wird er nie hinkommen. Aber er bleibt dran und hat vor allem eins dabei: Spaß.

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