GRAN FONDO Roadbike WETTKAMPFBERICHT

Ötztaler Radmarathon 2017: Über Quitschgewitter, Alp d‘Huez Flair, Dankbarkeit und Rechenspielchen

It’s done. Der Ötztaler Radmarathon, auf den ich mich die letzten 5 Monate akribisch mit der Alpecin Crew vorbereitet hatte, ist bezwungen. Zwei Tage nach dem Wahnsinn, hier nun meine Gedanken zum härtesten Arbeitstag in meinem bisherigen Leben. Wie habe ich mich geschlagen? Wo und wann gab es kritische Momente? Und natürlich die Frage, die wohl die meisten interessiert: In welcher Zeit konnte ich bei meiner Ötzi-Premiere finishen?

„Bloß nicht überzocken, Sören!“

Frisch ist es, als wir gegen 6 Uhr vom Landhaus Hermann zum Start losrollen. Noch schnell ein letzter Boxenstopp am Dixi, und rein in den Startblock. Noch knapp 20 Minuten warten. Aber die vergehen superschnell. Danke Tobias für’s Plaudern! 6:45 Uhr, scharfer Start. Der Wahnsinn beginnt! Die ersten 20 Kilometer geht’s von Sölden nach Ötz bergab. Es hat fast schon was Meditatives. 30 Minuten absolute Stille im Feld. Kaum jemand spricht. Nur das Summen der Laufräder und ab und an quietschende Bremsen. Bevor ich länger darüber nachdenken kann, rollen wir schon in den Kühtai rein. 18,5 Kilometer (1200Hm), bis zu 18% Steigung. Als ich registriere, dass der „Ernst“ jetzt losgeht, blicke ich ein x-tes Mal auf mein „Spickzettel“ mit den vorgegebenen Wattwerten für die vier Pässe. Ich hatte ihn mir am Vortag oben auf den Lenker geklebt.

Was für mich schon früh um 4 Uhr beim Aufstehen – eigentlich aber auch schon die Tage davor feststand: Heute kommt für mich nichts anderes in Frage, als die „sehr gute Tagesform“ anzupeilen. Und hier „durfte“ ich laut Coach Flo mit 272 Watt im Durchschnitt den Kühtai hoch. Es ist hart. Nicht weil es mir ernsthaft schwer fällt. Eher weil ich bzw. viele sich wohl gerade unterfordert fühlen. Klar, jetzt ist jeder noch hoch motiviert, steht voll im Saft und hat Bock. Ich sehe Mann und Frau an mir vorbei fahren. Muss grinsen, und denke an die Worte von Lude:

„Freut Euch lieber, dass ihr mehr könnt und dass ihr die meisten später eh wieder sehen werdet.“

So plaudere ich gedanklich mit mir selbst: „Bloß nicht überzocken Sören! Lass die Ausreißer gen 300 Watt!“.

Das Glücksspiel am Brenner

Kurz vor der Bergwertung sehe ich von Weiten schon die im Wind flatternde Alpecinfahne. Am Kühtai, Brenner und in Moos wartet für uns 9 Teamfahrer der Spezial-Support – mega großes Dankeschön an Claudia, Sascha, Dominik, Mats, Gregor und an all die, die mir leider gerade nicht einfallen. Dominik reicht mir meine eigens präparierte Flasche. So. Erste Abfahrt. 15 Kilometer Gaudi warten auf mich. Windweste zu und runter da. Im ultraaerodynamischen Froomestyle geht es streckenweise dreistellig den Brenner entgegen. Was ein geiles Feeling – alle vier Abfahrten – knapp 70km all in all – ein purer Genuss!

Zeitraffer. 40 Kilometer Brenner – das Glücksspiel geht los. Glücksspiel? Stephan hatte es im Live Talk ja schon angedeutet. Hier ist es wichtig, die richtige Gruppe zu finden. Aber…Zonk! Ein weiteres Mal fällt mir die zu hohe Wattzahl nicht schwer, aber ich will einfach nicht so früh im Wettkampf „überzocken“. Lasse mich fallen. Halte sogar kurz an und ziehe Arm- und Beinlinge aus. Wenige Momente später rollt die nächste Gruppe heran. Hier klinke ich mich ein. Dann ein „Moin“ von Teamfahrer Philipp. Was für ihn eigentlich zu langsam sein muss, ist genau das richtige Tempo für mich. Tendenziell zu schnell, aber im Sog der Gruppe kann ich wie geplant Körner sparen. Perfekt!

Als Triathlet entziehe ich mich solchen Windschattenspielchen an sich. Nur ist das ein völlig anderes Setting. Wer hier großprotzig sein Ding im Wind machen will, kriegt wahrscheinlich schon am Jaufenpass die Quittung. Gut, letztere sollte ich mir dort gleich abholen. Aber im positiven Sinne…

Jaufenpass – mächtig auf der Überholspur

Ein Piepen. Die Zeitmessung hoch zum Jaufenpass beginnt. Ich finde sehr schnell meinen Rhythmus. Der keiner ist, denn ich switche alle paar Minuten von Sattel in den Wiegetritt und umgekehrt. Witzig. Jetzt purzeln sie mir wirklich alle entgegen. Einer nach dem anderen trudelt mir, teilweise nach Luft japsend, entgegen. Haben sie sich am Kühtai überzockt? Ich spüre nicht zum letzten Mal am heutigen Tag ein tiefes Gefühl: Dankbarkeit.

Die 15,5 Kilometer (1130Hm) sind (fast) ein Genuss. Jaufenpass? Ein Träumchen von Berg. Erst durch anheimelnde Waldstraßen, dann Kehren mit Weitblick auf’s Ötztal und als krönender Abschluss ein bisschen Alp d‘Huez Flair, oben die letzten Kilometer vor’m 2090 meterhohen Gipfel. Zuschauer jubeln und rufen uns aufmunternde Worte zu. Na klar, das pusht noch mehr! Ach ja, kurz vorher gönne ich mir an der Labestation noch ne jute Brezel. Zwei, drei Minütchen Pause mussten jetzt einfach drin sein!

Und Du weißt was jetzt kommt. Die nächste Abfahrt. Sie sollte die holprigste an diesem Tag sein. Eng verwinkelt, teilweise sehr schlechte Straßenverhältnisse. Nach mehr als zweidrittel des Ötztalers, braucht es jetzt meine hundertprozentige Konzentration. Vor allem bei den Überholmanövern. Du weißt nie, was der vordere in den nächsten Sekunden machen wird. Macht er einen Schlenker nach rechts oder links? Bremst er urplötzlich ab? Oder hat einen Defekt und kommt ins Trudeln? Szenarien, die ich auf den 22 Kilometer immer im Hinterkopf behalte. Genauso wie das laute Quietschen meiner Zipp-Felgen/neuen Bremsbacken.

„Da hast Du schon so ein geiles Material und dann dieses peinliche Quitschgewitter :D“

,denke ich mir und muss breit grinsen. Naja, wat solls. Wenigstens gleich ne integrierte Klingel…

Fast ohne Blaupause geht es nun rein in den finalen Anstieg zum Timmelsjoch. Unsere höchste Bergkategorie heute –  28,7 Kilometer (1759Hm) bis zur zweitausendfünfhundert meterhohen Bergwertung. Und das mit knapp sechseinhalb Stunden auf’n Sattel. Oh je…

Die 3 Phasen meiner Timmelsjoch-Erklimmung

Teil 1: Zunächst ein Déjà-vu Erlebnis. Kaum über die Zeitmatte gerollt, überholen mich einige kämpfend. Einer so laut schnaufend, dass ich denke, er spult gerade ein hartes Intervalltraining ab. „Wat(t)?? Wie will der noch 2 Stunden so durchfahren?“.

Ein weiteres Mal. Contenance, Sören! Diesmal auch schon allein deswegen, weil ich einfach nicht weiß, wie mein Körper in den nächsten zwei Stunden funktionieren wird. Kann ich das Tempo halten? Breche ich ein? Rebelliert der Magen, wenn ich noch mehr Gels bzw. Riegel futter? Oder geht sogar noch mehr? Gedanken, die auf den ersten Metern mehrere Male pingpongmäßig hin und her springen. Insbesondere die Ernährung wird zunehmend tückischer. Denn die Cola-Gels und Energieriegel unseres Sponsors kann ich einfach nicht mehr sehen. Sorry!

„Noch ein Gel und du kotzt, Sören!“

,denke ich mir. Doch die Erlösung folgt prompt und in zwei Worten: „200m Labestation“.Die frischen Orangenscheiben, Brezelstückchen und Teebecherchen nehme ich dankend an!

Teil2: Mittlerweile bin ich über der Braumkrone. Erfürchtig schaue ich in die Ferne und nach unten, und sehe sie – wie kleine Ameisen so viele Kehren mehr vor sich habend, ein paar Hundert Meter unter mir. Es ist soweit. Zum ersten Mal bekomme ich Probleme. Der linke Beinbeuger meldet plötzlich Alarm. Ein leichtes Ziehen. Es kribbelt. Ich bin nervös. „Ist das jetzt ein sich abbahnender Krampf oder was?“. Ich bin irritiert. Auch weil genau an dieser Stelle im Mai die Muskelverletzung war. Für vielleicht 20 Sekunden bekomme ich latent Panik. Das könnte jetzt das Ende bedeuten. Absteigen? Aufgeben? DNF? Nicht heute!!

Ruhe bewahren. Einen Gang zurück. Okay, ich bin schon im kleinsten Gang. Dann halt mit den Wattwerten runter. Doch noch mal ein Colagel reinzwängen? Scheiße, ja! es muss sein. Irgendwie muss ich an Salz kommen. Vorsichtig gehe ich mal in den Wiegetritt, und wieder in den Sattel. Zum Glück gibt es nochmal eine letzte Labestation. Auch hier presse ich mir ein mit natriumversetztes Gel hinein. Stecke mir noch zwei, drei Brezelstückchen in die Rückentasche. Weiter. Locker wieder in den Rhythmus kommen. Ein paar Minuten später ist die Aufregung vorbei. „Brav, Muskel“. Macht keine Sperenzien mehr, der gute. Ich bin happy!

Teil 3: Jetzt kann es nicht mehr weit sein. Es wird ein wenig kühler. Was mir und den anderen Leidensgenossen sehr gelegen kommt. Jeder ist jetzt im gedanklichen Tunnel. Und irgendwie auch am Limit. Dieses Gefühl hatte ich noch nie. Fahre abwechselnd zwischen GA1 und GA2 – aber am Limit. Die Muskeln? Völlig breit. Gefühlt will die „Pumpe“ auch nicht mehr so richtig hochfahren. Normale Ermüdungserscheinungen. Immerhin halte ich die Wattwerte der oben erwähnten „sehr guten Tagesform“. Dann eine weitere Kehre. Und ein lautes Zurufen:

„Sören, Du schaffst das. Super! Nicht reden, immer weiter!“

Warteten doch echt meine Mum und mein Onkel seit Stunden hier auf mich?!? Hammer! Das gibt mir wirklich noch mal einen Kick. Nicht körperlich, aber mental! So doll, dass ich kurz danach seit langem mal wieder Nasenbluten bekomme 😀 Ist mir jetzt aber komplett egal. Frage eine Gruppe Zuschauer nach einem Taschentuch. Ein Mann rennt sogar kurz mit mir mit und steckt mir eins zu. Dankeschön!

Nach etwa 2 Stunden und 20 Minuten rolle ich über die letzte Zeitmessmatte. Endlich oben auf 2509 Meter angekommen. Timmelsjoch? Du bist bezwungen! BÄÄM! Wieder schnell die Windweste an und rein in die Abfahrt. Die kurze Gegensteigung (knapp 1Km) macht mir nix mehr aus. Niente. Null. Nada! Völlig bekloppt mit mehr als 300 Watt nochmal da hoch. Ich kriege Gänsehaut vor dem was gleich komme sollte…

Die letzte, die wirklich allerallerletzte, Abfahrt. Ein Banner erinnert mich an das Momentum. „Genieß die letzten 20 Kilometer“. Und das tue ich. Was für ein geiles Feeling! Just in dem Moment beginnt es ungelogen auch noch leicht zu regnen. What? Geht es noch geiler???

Ja! Der „Zieltunnel“ in Sölden toppt alles. Bekomme gerade beim Schreiben nochmal eine krasse Gänsehaut. Vor und hinter mir weit und breit kein Fahrer. Nur ich, die jubelnden Zuschauer und die Zielgerade. Ich fühle mich wie ein Profi. Ich fühle mich stark. Es ist so genial. Trotz der rasenden Geschwindigkeit durch Sölden, sauge ich die Momente akribisch auf. Ein letzter Schwenk nach rechts und Bääm!

Hände hoch jubelnd rolle ich 15:53 Uhr durch den Finsiehrbogen! Glück! Ein tiefes Zufriedenheitsgefühl macht sich breit. Wahnsinn. Von Anfang bis Ende (m)ein perfektes Rennen. Nach 9 stunden und 6 Minuten Fahrzeit habe ich den Ötztaler Radmarathon 2017 gerockt. Mega!

Nach dem Ötzi, ist vor den Rechenspielchen?

Tja. Du kennst das. Nach dem Wettkampf fahren deine Gedanken Achterbahn. Hin und her gerissen zwischen tiefen Glücksgefühlen und selbstkritischen Was-wäre-Wenn-Spielchen. Also: Ich bin mega happy! Und da kommt jetzt auch kein Aber hinterher!

8 Stunden 42 Minuten brauchte ich für die 238 Kilometer/5.500 Höhenmeter. An 3 Labestationen habe ich in der Summe 24 Minuten pausiert. Das ist krass lang. Die Frage ist also, ob ich hier einfach zu lange gebummelt habe oder es genau richtig war, die Boxenstopps einzulegen?

Wir werden es nie erfahren. Was bleibt ist…

Zufriedenheit. Stolz. Und Lust.

Als wolle „der Ötzi“ mir sagen:

„Sören, geiles erstes Mal, und mit ein wenig mehr Erfahrung und Lebenskilometern auf dem Sattel geht da noch viel mehr!“

Wir werden sehen…

 

Foto: Alpecin Cycling

über

27 Jahre, Freigeist, sportaffin und Student der irgendwas mit Marketing studiert hat. Passionierter Triathlet ist er auch. Auf dem Sportsfreund Blog bloggt er rund um den Triathlonkosmos, philosophiert über Trainingsstuff- und den Lifestyle. So Stay tuned.

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