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Wettkampfbericht | Erstes Rennradrennen (Video)

Sören beim LausitzCup Rennradrennen in Kamenz

Letzten Sonntag war es soweit: Ich habe zum ersten Mal an einem Rennradrennen teilgenommen. Pünktlich um 10 Uhr fiel der Startschuss und los ging der Spaß. Wobei „Spaß“ nicht wirklich für die ersten Meter zutreffend formuliert ist. Oder anders gesagt: Kaum hatte das Rennen begonnen, war es für mich schon gelaufen. Denn was innerhalb der ersten Minuten geschah, kam für mich überraschend. Was war geschehen? Jetzt der Realtalk! (Video hier oder am Ende des Artikels)

„Rennverlauf bestimmend“ fahren?

Kamenz (Sachsen). 9:30 Uhr, ein angenehmer Frühlingsmorgen. Das Wetter spielte an diesem ersten Maitag definitiv mit und bescherte uns Sportfreaks eine willkommene Abwechslung gegenüber dem launischen, ja fast schon garstigen, Aprilwetter. Noch eine halbe Stunde bis zum Rennstart. Ich würde lügen, wenn ich sage, dass ich nicht aufgeregt war.

[caption id="attachment_3843" align="alignleft" width="800"]Sören kurz vor dem Start des ersten Rennradrennens beim LausitzCup 2016 Letzte Poserfotos bitte![/caption]

[caption id="attachment_3842" align="alignleft" width="800"]Startbereich des ersten Rennens des LausitzCups 2016 Unmittelbar vor dem Start[/caption]

Immerhin sollte das mein erstes Rennradrennen werden. Noch dazu beim LausitzCup, einer durchaus prestigeträchtigen neunteiligen Rennradserie in Brandenburg/Sachsen. Knapp 60 Teilnehmer waren gemeldet. Nun ja und dann stand ich da, umgeben von witzelnden Fahrern, die total lockerflockig und scheinbar null angespannt drauf waren. „Irgendwie machen die alle einen ziemlich fitten und starken Eindruck“, dachte ich mir. Teilweise waren es bis zu vier Leute aus dem selben Team. Davon leicht irritiert hatte ich mich erstmal etwas weiter hinten und seitlich im Starterfeld eingeordnet. Bloß nicht in der Mitte unter die Räder kommen. Nein das wollte ich gleich mal gar nicht! Lieber außen schön ins Rollen kommen, dem gröbsten Gedrängel aus dem Weg gehen und dann das Feld von hinten aufrollen. Mir war im Vorfeld schon klar, dass ich nicht „rennverlauf bestimmend“ fahren könnte, so wie Tony Martin es ausdrücken würde und es des Öfteren tut. Dafür fehlen mir einfach die Grundlagenkilometer und das kontinuierliche Training. Sicherlich auch die ein oder andere harte Intervalleinheit. Dennoch war ich guter Dinge. Doch über Renntaktik hatte ich mir keinerlei Gedanken gemacht. Hätte ich es mal…!

Startschuss…Letzter.

Ich muss lachen. Ja, so im Nachhinein klingt das schon irgendwie lustig. Kaum war das Rennen gestartet, befand ich mich mit fragendem Blick nach hinten am Ende des Feldes. Da war keiner mehr, nur noch das Abschlussauto. Was war hier los? Kurz zur Strecke: Das 80Km Rennen war ein hügliger Rundkurs von 13 Kilometer, wobei Start und Ziel in Kamenz war.

Strecke des Blütenlauf Rennradrennens

Profil und Kartenansicht des 13km Rundkurses

Leider hieß das gerade im Start- und Zielbereich ziemlich raues Kopfsteinpflaster, das noch dazu relativ kurvig war. Kurz nach dem Startschuss folgte eine ca. 500m lange Kopfsteinpflasterpassage, die noch dazu ziemlich steil bergab ging. Normalerweise fahre ich bei Kopfsteinpflaster automatisch zurückhaltend und langsam. Immerhin möchte ich mein cooles und einziges(!) Bike nicht demolieren bzw. meine Reifen noch etwas länger haben. Doch diese Gedanken hätte ich mal lieber gleich über Bord werfen sollen. Ohne wirklich zu registrieren was um mich herum geschah, versuchte ich um die gröbsten Schlaglöcher drum herum zufahren. Dann war es geschafft. Endlich Asphalt, endlich Geschwindigkeit aufnehmen. Dachte ich.  Und dann der Blick nach vorn. Zu meinem Entsetzten war das Feld bereits ein gutes Stück vor mir. Lediglich 4 bis 5 Fahrer taumelten vor mir. Sie hatten ebenfalls die Gruppe verpasst.

Das war krass. Der gesamte Pulk ging von Anfang an Vollgas, völlig unbeeindruckt der schlechten Straßenverhältnisse bretterten alle entfesselt los. Den Schwung von der Bergabpassage aus Kamenz heraus blieb wegen meines defensiven Fahrens natürlich aus und so zog das Feld uneinholbar davon. Immerhin konnte ich mich mit einem ziemlichen Kraftakt an die Verfolgergruppe heften. Puh war das laktat-isierend. Gerade erst wenigen Minuten im Rennen und schon brannten die Beine.

Kurzum: Ein ziemlich blöder Anfängerfehler. Ich hätte direkt zum Anfang schnell anfahren müssen, um erstmal im Sog der Gruppe mit zu fahren. Verpasst Du diesen Moment, kannst Du allein gegen den Wind nicht viel ausrichten. Es sei denn Du heißt Peter Sagan. Diese Rennfahrerweiseheit durfte ich hier zum ersten Mal schmerzhaft am eigenen Leib spüren.

Auf der Vefolgung im belgischen Kreisel

Die nächsten 3 Runden fuhren wir zu fünft im belgischen Kreisel. Sprich abwechselnd im Kreis, sodass jeder mal vorn ein paar Minuten im Wind fährt und sich dann nach hinten einreiht,  um im Windschatten der anderen erneut Kraft zu tanken. Das funktionierte zu meinem Erstauenen ohne Worte sofort ziemlich gut. Jeder wusste wohl, dass das Rennen noch lang ist und man allein auf dieser ziemlich windanfälligen Strecke viele viele Körner verpulvern müsste. Während der ersten 3 Runden redeten wir kaum bis gar nicht miteinander. Jeder war wohl voll fokussiert und vielleicht auch ein bisschen angepisst vom bisherigen Rennverlauf. Jegliche Kommunikation beschränkte sich auf Kopfnicken, Zeichensprache und das ein oder andere Grinsen.

Im Moment der Stärke der nächste Amateurfehler…

In der vierten von sechs Runden kam dann der zweite für mich rennverlauf bestimmende Zeitpunkt. Etwa bei der Hälfte des Rundkurses, kurz nach dem höchsten Anstieg, hatte ich mich unbewusst von meiner Gruppe etwas am Berg absetzen können. Natürlich muss am Berg jeder so fahren wie er kann um nicht „hochzugehen“. Am Berg fühle ich mich generell wohl und so erreichte ich den Gipfel etwa 50m vor den anderen vier. An dieser Stelle hätte ich lieber einen Schluck mehr aus der Flasche nehmen und sie wieder herankommen lassen sollen. Doch ich fuhr erstmal weiter. Ich fühlte mich gut und wenn ich in den nächsten Minuten einen gang rausnehme würden sie schon wieder langsam heran kommen. So meine fälschliche Überlegung. Doch aus dem „langsam“ wurde nichts…

Dann folgte wieder eine ziemlich doofe Situation, wie schon am Anfang. Ich zippte an meiner Flasche und schaute nach rechts zu ein paar Kindern, die uns auf einer Pferdekuppel zu jubelten. Ich freute mich und wank ihnen zurück. Auf einmal zogen links ein paar Fahrer an mir vorbei. Im ersten Moment habe ich mir nicht viel dabei gedacht. „Ach das sind bestimmt die ersten der 50Km-Runde, die eine viertel Stunde nach uns gestartet waren“…. Ich wusste, dass auch dort starke Radfahrer und ein paar regional bekannte Triathleten teilnahmen. Ich versuchte es gar nicht erst mich heranzuhängen und ließ sie fahren.

Nach etwa zehn bis fünfzehn Sekunden schaute ich mir die Jungs noch einmal genau an. „OHH MIST“. Zu meinem Entsetzen stellte ich fest, dass am Ende dieses Zuges meine „buddys“ aus der Gruppe klebten. Was für ein Deja vu. Trotz allem Krafteinsatz mit ca. 43Km/h in den nächsten Momenten, konnte ich die Lücke nicht mehr schließen. Oh je war das bitter. Die gleichen Fahrer, die vor 5 Minuten noch schnaubend und sicherlich am Anschlag mit mir im belgischen Kreisel fuhren, waren jetzt auf einmal im Sog dieses Sprintzuges und einholbar davon gefahren. Und ich? Allein im Wind konnte ich nichts machen außer zu zu sehen, wie sie langsam immer kleiner wurden, bis sie letztlich gar nicht mehr zu sehen waren. Später traf ich die Jungs aus meiner Gruppe noch einmal im Zielbereich. Ich fragte sie was da in der Situation los war. Sie grinsten und meinten, dass sie die Chance genutzt hätten und sich an die drei führenden der 50Km-Distanz geheftet hatten. „Klassisches Lutschen, weißte doch (…)“, flachste einer von ihnen. Wir mussten alle grinsen. Tja so kann Rennradfahren sein. Ich depp!

Renntaktisch gesehen war das natürlich wiederholt sehr unglücklich für mich gelaufen. Vielleicht hätte ich es mit ach und krach irgendwie doch geschafft aber hätte hätte Fahrradkette. Da ich noch nie 80km mehr oder weniger in diesem Tempointervallmodus gefahren bin, wusste ich nicht, wo mein Limit liegt. Vielleicht wäre ich dann geplatzt, vielleicht auch nicht. In dieser Situation fehlte mich eindeutig die Erfahrung und vielleicht auch ein bisschen der Mut. Daraus kann ich nur lernen!

Entsprechend dem bisherigen Rennverlauf war ich nun auf mich allein gestellt und fuhr die Hälfte der vierten und die komplette fünfte Runde allein. Lediglich ein paar abgehängte Fahrer vom 50er Rennen überholte ich. Trotzdem war das vor allem mental ziemlich hart. Das Rennen war im Grunde gelaufen. Jetzt ging es nur noch ums anständige Finishen.

Dennoch hatte ich nie den Gedanken an einDNF – dit not finish“, was so viel heißt wie aufgegeben…

Das ist nicht mein naturell.

Vor ein paar Tagen war Jan Frodeno bei Markus Lanz in der Sendung. Dabei ging es natürlich auch um das Thema Schmerzen und ob Jan nicht manchmal im Rennen daran denken würde einfach aufzugeben und am Streckenrand den köstlichen Gerüchen der Imbissbuden nachzugeben. Jan entgegnete ihm überzeugt und bestimmend, dass die „Schmerzen“ im Anschluss viel größer wären, wenn er aufgeben würde. Es ist das Wissen dem inneren Schweinehund vorzeitig nachgegeben zu haben…Denn klar ist: Stolz bleibt, Schmerz vergeht.

So stand es für mich nicht zur Debatte aufzugeben. Außerdem war das mein erstes Rennradrennen und wie sähe das denn aus, wenn da gleich beim ersten Mal ein „DNF“ in der Ergebnisliste stehen würde?

Am Ende zählt der Spaß

An sich könnte ich diese Statement so stehen lassen. Es spricht für sich! Doch leider kommt gerade im Amateurbereich der Spaß manchmal zu kurz. Zu groß ist die Verlockung und der innere Zwang mit irgendwelchen Leistungsathleten mithalten zu wollen oder eigene Bestzeiten zu jagen. Zu einem gewissen Teil kann auch ich mich nicht davon entsagen. Manchmal ist es auch einfach geil schnell und ambitioniert unterwegs zu sein. Doch wer diesen blog schon etwas länger verfolgt, weiß das der Sport für mich vor allem Spaß, Leidenschaft und Freiheit ist.

Warum sollte man sich das für irgendwelche Zeiten oder Ergebnisse kaputt machen lassen?

Zum Glück fand ich an diesem Tag noch einen zweiten Mitstreiter, der zwar auch abgehangen wurde aber unbedingt in Ziel kommen wollte. So fuhren Erik aus Dresden und ich die sechste und letzte Runde mehr oder weniger locker und plauderten noch ein bisschen über das Rennen und was jeder so macht. Ich hätte hier auch einfach noch mit Zug ins Ziel fahren können. Kraft war auf jeden Fall noch im Tank. Doch darauf hatte ich keine Lust. Das gemeinsame fahren ohne Zwang und dafür umso mehr Spaß war so viel cooler in diesem Moment. Wir flachsten und witzelten etwas hämisch über uns und den Rennverlauf und fuhren dann etwa eine halbe Stunde nach den Führenden ins Ziel. Na gut: Zum Schluss packte ich doch noch mal den Hammer aus und ließ Erik am letzten Hang stehen. Das war aber mehr für’s gute Gefühl und hatte dann nicht mehr viel von Wettkampfatmosphäre.

An diesem Tag kam also eine ziemlich farbenfroher Cocktail an Emotionen zusammen. Es war alles dabei – Vorfreude. Zweifel. Aufregung. Verwirrung. Entsetzen. Spaß. Schmerz. Ernüchterung. Erkenntnis. Freude. Zufriedenheit. Glück – und natürlich auch eine gute Portion Erschöpfung danach 😉

Aber das war nach reichlich Kuchen, kühlen Getränken und einem Besuch bei dem Laden mit dem großen gelben M schon wieder halb vergessen.

Was bleibt also?

Mein erstes Rennradrennen ist eher suboptimal gelaufen. Sicherlich war die Wahl des Rennens etwas unglücklich weil dessen Prestige und Leistungslevel ziemlich hoch für ein Amateurrennen war. Doch ich suche keine Ausreden. Vielmehr lerne ich daraus. Vor allem was Renntaktik angeht. Das nächste Mal werde ich vorbereitet sein – von Beginn an!

Das war übrigens das erste von neun Rennen des LausitzCups. Jeder Nicht-Profi, sprich „Jedermann“ bzw. „Jederfrau“ kann daran teilnehmen. Aber Vorsicht: Ein gutes und vor allem spezifisches Fitnesslevel auf dem Rennrad solltest Du haben. Ein klassisches Jedermannrennen mit Leistungslevel aller Bereiche ist das nicht. Hier sammelt sich die Speerspitze des Rennradsports aus der näheren Umgebung – und meine Wenigkeit 😀

Das ein oder andere Rennen werde ich auf jeden Fall trotzdem noch mitnehmen. Denn Fakt ist eins: So einen intensiven Trainingsreiz bekommt man nicht oft. Wer schenkt sich schon freiwillig im Training so viel und allein ein?

Jut. Das war’s.

Heute ist Montag. Erst einmal erhole ich mich heute und morgen. Was nicht heißt, dass ich komplett faul herumliegen werde. Das wäre eher kontraproduktiv für die optimale Regeneration. Eine lockere halbstündige Tour stand bereits wieder heute mittag bei herrlichstem Wetter an. Der Mai lädt ja auch förmlich zu einer kleinen Kaffee-Tour mit dem Rennrad ein. Dieser „Einladung“ folgte ich gern…

Ich hoffe, dass Dir dieser kleine Wettkampfbericht gefallen hat und Du vielleicht das ein oder andere mal Grinsen konntest. Ich konnte es beim Schreiben auf jeden fall 🙂 Hast Du vielleicht ähnliche oder überhaupt Erfahrungen mit Jedermannrennen gemacht? Wenn ja, dann freue ich mich über Dein Feedback oder Deine Wettkampfstory bzw. Anekdote. Egal ob positiv oder negativ.

Beste Grüße,
Sören

über

27 Jahre, Freigeist, sportaffin und Student der irgendwas mit Marketing studiert hat. Passionierter Triathlet ist er auch. Auf dem Sportsfreund Blog bloggt er rund um den Triathlonkosmos, philosophiert über Trainingsstuff- und den Lifestyle. So Stay tuned.

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