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Interview mit Florian Wildgruber (Teil2): „Komplett ohne Erwartungen wurde es das Rennen meines Lebens“

Zugegeben: Die „Wechselzeit“ vom ersten Interviewpart zum zweiten ist jetzt nicht gerade rekordverdächtig. Trotzdem bleibt das Rennen spannend. Ist Florian nach seinem Karriereende jetzt überhaupt noch mit dem Triathlonvirus infiziert? Was waren seine emotionalsten Momente? Außerdem wollte ich wissen, ob er schon mal eindimensional triathletisch gedacht hat und was er damit meint, dass gerade wir Alterklassenathleten uns unsere Glücksmomente manchmal verbauen.

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Florian, lass‘ uns wieder mit einem Foto von dir einsteigen. Das Thumbnail aus dem ersten Interviewpart – erklär mal, was ging da in Dir vor 😉 

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Dieses Foto ist in einem Trainingslager entstanden. Es strahlt für mich genau meine Einstellung zum Sport aus. „Harte Arbeit, aber trotzdem Spaß dabei.“ Das war nicht immer so, denn viele Jahre habe ich den Triathlon viel zu ernst genommen. Ich war zu verbissen. Das hat sich nicht nur negativ auf mein Leben abseits des Triathlons ausgewirkt. Sondern auch der Spaß an der Sache, die ich so geliebt habe, ging immer mehr verloren. Mit den Jahren habe ich es geschafft den Sport durch eine andere Brille zu sehen – mehr als Spiel. Denn etwas anderes ist es nicht. Weder als Amateur noch als Profi.

Du bist also trotz deines offiziellen „Karriereendes“ immer noch mit dem Triathlonvirus infiziert?

Triathlon und insbesondere ein Ironman verändert Dich! Für mich ist es ein Sinnbild für das echte Leben. Du steckst so viel Energie rein, Du kämpft, Du fällst hin und stehst wieder auf und am Ende erreichst Du die Finishline. Dieses Gefühl ist einmalig und nicht mit Worten zu beschreiben. Wenn man es einmal erlebt hat, dann ist es eine Erinnerung für’s Leben. Wer einen Ironman gefinished hat, der hat auch die Kraft alle anderen Herausforderungen im Leben zu meistern. Wie gesagt: Triathlon war nicht nur ein Teil meines Lebens, es war mein Leben. Dass ich nun mit dem Hochleistungssport aufgehört habe, schließt nicht aus, dass ich auch weiterhin bei kleineren Wettkämpfen am Start stehe und wer weiß, vielleicht wird es tatsächlich irgendwann nochmal ein Ironman. Sag niemals nie…

„Erinnerung für’s Leben“ – Florian, nimm uns doch mal mit: Was war Dein emotionalster Moment während Deiner aktiven Triathlon-Karriere? Und wie hast Du ihn (mental) gemeistert (falls er schwierig war)?

Es gibt zwei Momente, die mir besonders in Erinnerung geblieben sind. Ein sehr positiver und ein sehr negativer.

Der bitterste Moment meiner Triathlon-Karriere war definitiv die Ironman 70.3 Weltmeisterschaft 2015 in Zell am See. Nachdem die Ergebnisse aus den Vorjahren vielversprechend waren, bin ich mit großen Erwartungen in die Saison 2015 gegangen. Ich wollte Europa- und Weltmeister in der AK werden und war dementsprechend vorbereitet. Bei der EM in Wiesbaden hat ein platter Reifen meine Goldhoffnungen zunichte gemacht, was mich ziemlich runtergezogen hat. Als ich dann drei Wochen später in Zell am See auf Grund ein paar kleiner Fehler bei der Wettkampfverpflegung auf der Laufstrecke komplett explodiert bin, war ich am absoluten Tiefpunkt angekommen. Nach dem Zieleinlauf bin ich mitten auf der Straße gehockt unter tausenden Menschen und hab einfach nur geheult. Diese Leere ist schwer zu beschreiben. Man reißt sich Tag für Tag für seinen Traum den Arsch auf und dann wird Dir dieser auf brutale Weise entrissen.

„Ja, wir verbauen uns sehr oft unsere Glücksmomente.“

Es hat eine Zeit gedauert, bis ich aus diesem Loch rausgekommen bin. Geschafft habe ich es dadurch, indem ich mir die Frage gestellt habe: „Was ist denn eigentlich Dein größter Traum im Triathlon? Warum hast Du mit Triathlon angefangen?“. Und da ist mir der Ironman Hawaii in den Sinn gekommen. Also bin ich noch im selben Jahr zum Ironman nach Florida geflogen, wo ich mich dann für Hawaii tatsächlich qualifiziert habe. Dieses neue Ziel hat mir wieder Mut und Hoffnung gegeben.

Den schönsten Moment habe ich 2016 erlebt, als ich nach einem mittelmäßigen Rennen bei der Challenge Roth spontan bei der 70.3 EM in Wiesbaden gestartet bin. Noch im Vorjahr habe ich mir geschworen, dort nie wieder zu starten, nachdem es in den drei Jahren zuvor dort nie für den Sieg gereicht hat und ich 2015 ja wie beschrieben einen sehr schwarzen Tag erlebt habe. Ich bin komplett ohne Erwartungen an der Start gegangen und es wurde das Rennen meines Lebens. Vom Schwimmen bis zum Laufen lief einfach alles perfekt. Einen solchen Tag habe ich nur ein einziges Mal in meiner Sportlerkarriere erlebt. Ein Tag an dem man zu fliegen scheint. Es war ein geiles Gefühl, als ich nach ca. 50 km auf dem Rad die Führung der Gesamt-Altersklasse übernommen habe, aber dennoch habe ich mich, bis ich auf dem Zielteppich war, konzentriert, weil ich wusste, dass das Rennen eben erst an der Ziellinie vorbei ist. Genauso wie die Leere nach dem Rennen in Zell am See 2015, so ist auch das Hochgefühl nach diesem Sieg schwer zu beschreiben. Wenn man vier Jahre lang dran bleibt und nicht aufgibt und immer wieder aufsteht, dann ist es das geilste Gefühl, wenn es dann doch klappt.

Stichwort: Mindset und eigene Erwartungen: Du sprichst im Triathlon-Podcast mit Marco Sommer über die Besessenheit vom Erfolg, gerade auch bei Agegroupern – denken wir, angestachelt von Bestzeiten und AK-Platzierungen, oftmals zu eindimensional triathletisch – verbauen möglicherweise unsere Glücksmomente damit?

Um die Antwort vorweg zu nehmen. Ja, wir verbauen uns damit sehr oft unsere Glücksmomente. Ich selbst war lange Zeit besessen vom Erfolg und Bestzeiten. Immer noch schneller und noch besser. Immer noch mehr Zeit opfern und immer noch weniger soziale Kontakte. Klar, wenn man erfolgreich sein möchte, dann muss man dafür mehr Energie investieren, als jemand, der weniger Erfolg hat. Aber genau an diesem Punkt wird es erst richtig spannend. Was ist denn Erfolg eigentlich? Ich dachte viele Jahre, dass der größte Erfolg darin besteht, dass man bei einer wichtigen Meisterschaft ganz oben auf dem Treppchen steht. Im Laufe der Zeit habe ich immer mehr realisiert, dass es das für mich vermutlich gar nicht ist. Aber ich war mir noch nicht ganz sicher…

Als ich dann nach dem Europameister-Titel alleine auf dem Hotelzimmer gehockt bin, wusste ich definitiv, dass das sicherlich nicht das höchste der Gefühle ist. Ganz im Gegenteil: Ich war bitter enttäuscht. Genauso auch nach meinem Rennen auf Hawaii. Davor dachte ich, dass sich nach einem solchen „Erfolg“ alles verändert. Aber am Abend danach liegst Du im Bett, bist immer noch der gleiche Trottel wie davor und am Weltfrieden hat sich auch nichts geändert. Es sind nicht die Erfolge in den Ergebnislisten – vielmehr sind es die Menschen, mit denen man seine Erfolge teilen kann. Dann kommt es auch nicht darauf an, ob es eine Podiumsplatzierung oder „nur“ ein Finish ist. Leider sind viele Menschen (inkl. mir) meistens so gestrickt, dass man diese bitteren Erfahrungen erst einmal selbst machen muss, damit man daraus lernt.

Wenn man sein Glück nur an seinen Siegen misst, dann braucht man sich nicht wundern, wenn man die meiste Zeit seines Lebens nur verbittert, verbissen und unzufrieden durch die Gegend läuft. Ich möchte damit nicht sagen, dass man nicht auch mal Energie und Zeit in bestimmte Sachen investieren und diese dann auch mit Ehrgeiz verfolgen sollte. Aer wie man auch aus der Glücksforschung weiß, entsteht wirkliche Zufriedenheit nur dann, wenn man erstens merkt, dass man selbst etwas bewirkt und zweitens Menschen um sich herum hat, von denen man weiß, dass sie einen auch dann noch akzeptieren, wenn Erfolge ausbleiben. Die ganzen Schulterklopfer, die sofort die Fliege machen, sobald die Erfolge ausbleiben, sind nicht nur überflüssig, sondern machen die Fallhöhe bei Misserfolgen nur noch größer. Ich habe lange Zeit meiner Triathlon-Karriere meinen Erfolg nur an Medaillen und Pokalen gemessen. Irgendwann habe ich dann halt die Quittung für dieses im wahrsten Wortsinn „asoziale Leben“ bekommen.

Ich bin froh, dass ich das gegen Ende meiner Karriere verstanden habe und dann auch ein Umfeld um mich herum hatte, sowohl Sponsoren, als auch Freunde und Familie, die voll hinter mir gestanden sind! Wie schon mal erwähnt: Es geht nicht darum das Spiel zu gewinnen, es geht darum es zu meistern. Und meistern kannst Du ein solches Spiel nur dann, wenn Du weißt, dass Leute hinter Dir stehen.

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Diese Gedanken lassen wir einfach mal so stehen… Im dritten und finalen Interviewteil kommen wir zu den obligatorischen Insidertipps der „Interview-mit“ Serie. Stichwort Mentaltraining.

Hier geht’s zum dritten Teil

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27 Jahre, Freigeist, sportaffin und Student der irgendwas mit Marketing studiert hat. Passionierter Triathlet ist er auch. Auf dem Sportsfreund Blog bloggt er rund um den Triathlonkosmos, philosophiert über Trainingsstuff- und den Lifestyle. So Stay tuned.

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