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Interview mit Florian Wildgruber (Teil 3): „Umgib Dich mit Menschen, die Dich nach oben ziehen“

Aller guten Dinge sind… auf jeden Fall nicht nur zwei, und so läuten wir heute den finalen Interviewteil mit Florian Wildgruber ein. Ich wollte wissen, wie er über Mentaltraining denkt, was er für Strategien nutzt, um im Wettkampf geistig topfit zu sein und ob er abschließend noch ein paar Worte an uns Triathleten loswerden will…

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Teil 1: Sein Triathlon-Karriereende und Realitätsverlust

Teil 2: – Warum wir unsere Glücksmomente oftmals verbauen

Bevor wir zu den zwei letzten Fragen kommen, Florian, was war auf diesem Foto eigentlich los? 😀

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Das war auf Hawaii, „stay cool and take it easy“. Ich hatte lange Zeit Probleme, meine Trainingsleistung im Wettkampf abzurufen. Der Druck, den ich mir vor allem selbst gemacht habe, stand oft im Weg. Mit Hilfe eines guten Freundes, der Sportpsychologe ist, und später auch mit dem Wissen aus meinem Sportpsychologie-Studium, habe ich es immer besser in den Griff bekommen. Spitzenleistung auf Abruf ist eine hohe Kunst, die man lernen kann.

In dieser Interview-Rubrik gebe ich meinen Lesern und Leserinnen gern den einen oder anderen Insidertipp mit. Stichwort: Mentalgame. Wir kennen nun den negativen Effekt und Einfluss von unseren Gedanken. Aber was können wir an positiven Mindets schaffen, um im Triathlon neue physische Grenzen zu überwinden? Würdest Du uns eine Deiner Lieblingsstrategien- oder Übungen für’s Mentaltraining verraten?

In meiner Master-Arbeit habe ich mich intensiv mit dem Einfluss von Selbstgesprächen auf die Ausdauerleistungsfähigkeit beschäftigt. Es ist verblüffend, wie unsere Gedanken die Leistung beeinflussen. Obwohl es viele sportpsychologische Strategien gibt, mit denen man die Leistung steigern kann, möchte ich mich hier auf die Strategie beschränken, mit der ich selbst die besten Erfahrungen gemacht habe.

„Das Gehirn kennt keinen Unterschied zwischen einem echten Lachen und einem künstlichen“

Im Triathlon, speziell beim Ironman, gewinnt selten der Fitteste, sondern der, der es schafft, den Schmerz am längsten zu ertragen. Das kann nur gelingen, wenn man den Schmerz auch annimmt. Mein damaliger Handball-Trainer hat immer gesagt: „Flo, Schmerz ist Dein Freund!“ Diesen Satz habe ich lange Zeit nicht verstanden. Aber mittlerweile weiß ich, was damit gemeint ist. Viele Sportler versuchen den Schmerz auszublenden oder gegen ihn zu kämpfen. Den Kampf gegen den Schmerz wird man jedoch nicht gewinnen. Stattdessen hab ich irgendwann angefangen, den Schmerz „willkommen“ zu heißen. Statt den klassischen Selbstgesprächen wie „Oh man, tut das weh.“ und „Ich kann bald nicht mehr“ usw, habe ich mir gesagt: „Servus Schmerz, mein alter Freund. Da bist Du ja, ich hab Dich schon vermisst. Komm auf geht’s, jetzt rocken wir das Ding hier“. Für einen Außenstehenden hört sich das ein bisschen schizophren an, aber im Endeffekt geht es nur darum, seine Gedanken in die richtige Richtung zu lenken.

Unterstützend dazu habe ich mich, gerade in den Phasen, in denen es extrem weh getan hat, gezwungen zu lachen. Das fällt ziemlich schwer, vor allem dann wenn einem nicht danach ist. Aber das Gehirn kennt keinen Unterschied zwischen einem echten Lachen und einem künstlichen. Sobald die Mundwinkel nach oben gehen, drückt ein Muskel auf einen Nerv und es werden Glückshormone ausgeschüttet. Der Körper denkt sich: „Naja, wenn man lacht, dann kann eigentlich gleichzeitig der Schmerz noch nicht so groß sein“, und hält die Leistung aufrecht. Für welche Strategie man sich schlussendlich entscheidet, bleibt jedem selbst überlassen. Eines ist klar: Man muss sich geistig so trainieren, wie beim körperlichen Training.

Sag ich ja! Immer „Spass inne Backen“…

Florian, Du trittst seit einiger Zeit als Speaker auf den Bühnen dieser Welt auf. Und auch ich möchte Dir nun meine Blogbühne freigeben. Stell Dir vor Du würdest jetzt vor einem Publikum sprechen, sagen wir vor hunderten, „hungrigen“ TriathletInnen – was würdest Du Ihnen erzählen wollen?

Es gab mal einen kleinen Jungen, der mit einigen Mängeln auf die Welt kam. Schiefhals, Hüftdysplasie, halbseitige Lähmung, ADHS. All das brachte so seine Probleme mit sich. Keiner wusste am Anfang, ob er jemals würde normal laufen können. Und beim Einschulungstest hat man seinen Eltern gesagt: „Sorry, aber ihr Kind ist nicht schulfähig.“ Heute steht dieser kleine Junge, aus dem mittlerweile ein erwachsener Mann geworden ist, nicht nur auf Rednerbühnen, sondern hat 2016 auch noch den vielleicht härtesten Triathlon der Welt gefinished.

Ja, dieser junge Mann bin ich. Und dieser junge Mann hatte immer wieder Menschen um sich herum, die ihm gezeigt haben, wie er aus dem, was er hat, das Beste machen kann. Ich war nie der geborene Triathlet und ich war auch nie der talentierteste Redner. Vielmehr habe ich mit der Zeit gelernt, wie ich aus meinen Fähigkeiten das Beste machen kann. Leider gibt es viele Menschen, die einem meist erzählen, was man alles nicht kann. Dabei sollte es viel weniger um eine Fehlersuche, als um eine Schatzsuche gehen. Jeder Mensch kann mindestens eine Sache richtig gut, jeder Mensch braucht Aufgaben, an denen er wachsen kann. Und jeder Mensch braucht andere, die einem das Gefühl geben, dass das, was man kann, wertvoll ist. Ich gebe Euch zwei kleine Beispiele.

Früher wurde mir immer und immer wieder eingetrichtert, dass es meine größte Schwäche ist, dass ich nicht meine Klappe halten kann. Heute verdiene ich mein Geld damit. Das andere Beispiel kommt aus dem Sport. Einer meiner Trainer hat einmal gesagt: „Flo, Du bist nicht der Größte, Du bist nicht der Schnellste. Du bist nicht der Schlauste.“ Da dachte ich mir auch: „Danke, hast Du sonst noch was zu sagen?“ „Aber Flo“, hat er gesagt, „Du hast gelernt zu kämpfen und das ist auf lange Sicht immer wichtiger als Talent.“ Vielleicht ist die Fähigkeit, die man besitzt nicht „normal“ oder „gewöhnlich“, aber das heißt nicht, dass man nicht etwas draus machen kann. Der Ironman ist für mich dabei das Sinnbild, wenn man dabei ist, sein Potential zu entdecken. Es kostet Kraft und Energie. Es gibt Hochs und aber auch richtige Tiefs. Man muss kämpfen. Man überlegt oft, einfach alles hinzuwerfen. Und am Ende läuft man über die Finishline und ist stolz und glücklich, es durchgezogen zu haben!

Umgib Dich mit Menschen, die Dich nach oben ziehen, anstatt Dich runterzudrücken und mach das Beste aus Dir!

Besten Dank für Deine Zeit und ausführlichen Gedanken, Florian! Hau rein 🙂

über

27 Jahre, Freigeist, sportaffin und Student der irgendwas mit Marketing studiert hat. Passionierter Triathlet ist er auch. Auf dem Sportsfreund Blog bloggt er rund um den Triathlonkosmos, philosophiert über Trainingsstuff- und den Lifestyle. So Stay tuned.

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