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Buchrezension „Eine Frage der Leidenschaft“: Jan Frodeno lässt tief blicken

Foto: © Marcel Hilger

Jan Frodeno – ein Name bei dem es klingelt, und jedem aus der Triathlonszene sofort unzählige Bilder und Assoziationen in den Kopf schießen: Olympisches Gold, Ironman Weltmeister, perfektes Familienleben, Laureaus-Awardträger, Mercedes-Markenbotschafter, Weltrekordzeit in Roth. Egal wie weit wir die Liste fortführen, das öffentliche Bild von „Frodo“ scheint perfekt. Selbst für sein K.O. auf Hawaii 2017 wird er von der Szene gefeiert wie ein Rockstar. Doch warte. Wir kratzen hier nur an der Oberfläche. All das kann kein Zufall sein, der Erfolg muss Wurzeln haben. Wurzeln, die kaum einer bisher kannte, Frodeno jetzt jedoch ans Tageslicht bringt. Also wer ist dieser Ausnahmesportler, der sich entgegen seines makellosen Antlitzs in der Öffentlichkeit selbst als Espresso schlürfender „So-lala-Schwimmer mit Spargelbeinen“  bezeichnet? Das habe ich mich schon Anfang 2017 bei meiner Vorbestellung des Buchs gefragt, wurde lange vertröstet, um nun doch viele Antworten bekommen zu haben. Eine kurzweilige Rezension.

Früher Knirps mit Spargelbeinen, heute Kindermensch und Weltklasseathlet

Knirps“, „Newbie“, „Niete“, „Pfeife“, „Hänfling“ – Frodeno spart nicht gerade an selbstironischen Kosenamen in den ersten Kapiteln, wo er mit schelmischen Unterton seine Kindheit und Jugend nachskizziert. Frodeno hat Humor, es ist sogar seine Waffe, wie er selbst sagt. Eine Eigenschaft, die einigen seiner Konkurrenten zu schaffen macht. Wer hätte gedacht, dass Frodeno vor großen Rennen gern kleine Psychospielchen mit seinen Profikollegen spielt?! Nicht böswillig, eher aus Jux. Denn Frodeno ist einfach nicht gut im Verlieren, ja er hasst es gerade zu. Da können dann auch schon mal Brettspiele oder Fahrräder durch die Gegend fliegen. Aber das war früher, als er noch der kleine „Knirps“ mit „Spargelbeinen“ war. Ja, er gibt es selbst zu: Geduld ist seine Schwachstelle, vielleicht seine größte. Doch mit der Zeit hat sich der einstige „So-lala-Schwimmer und exzentrische „Dickkopf“ zu einem Weltklasse Sportler und selbsternannten „Kindermensch“ entwickelt. Letzteres kam durch seine Frau Emma. Sohn Lucca und Tochter Sienna Sofia komplettieren die Frodenobande.

Buchcover von „Eine Frage der Leidenschaft – Mit Mut und Motivation zum Erfolg“

Im Verlauf der 7 Kapitel weiß Frodeno gekonnt seine Mentoren, wie er sie selbst nennt, zu würdigen. Das hat Stil. Sei es sein erster Schwimmtrainer, der ihn zwei kilometerlange Schmetterlingsserien schwimmen ließ, sein jetziger Trainer Dan Lorang, der ohne das ganz große Rampenlicht auskommt, oder seine Eltern, die ihn seit frühester Kindheit gefördert haben. Speziell sein Vater war ein entscheidendes Puzzleteil für Frodenos heutiges Dasein.

Doping? Ein klares Statement!

Etwa wenn es um seine erste und wohl bislang einzige persönliche Konfrontation mit dem Thema Doping geht, bei der sein Vater damals wahnsinnig gut reagierte. Wie? Du erfährst es auf Seite 132. Und Apropos Doping. Zwar ist „Eine Frage der Leidenschaft“ gespickt mit amüsanten Anekdoten (Tupperdosen-Alarm im Flieger, Runners High durch 200m Jeans Jog) und Insidern (sein Flachs mit Sebi 2016 beim abschließenden Marathon), die einem immer wieder zum Schmunzeln bringen.

Dennoch findet er bei brisanten Themen klare Worte – wie eben beim Thema Doping im Triathlon, Windschattenfahren oder auch bei (unberechtigter) Kritik an seiner Person. Bei diesen Textpassagen redet er nicht um den heißen Brei, bekennt sich, lässt tief blicken, ist kompromisslos. Zeilen, die durchaus imposant sind, etwa wenn er davon erzählt, dass er selbst mal ein dubioses Angebot bekommen hat, seine Leistungen unerlaubt zu steigern und ganz offen sagt, dass er damals im ersten Moment auch nicht wusste, was er machen solle.

Sicherlich auch interessant in diesem Zusammenhang ist Frodeno’s These, weshalb es bisher kaum Dopingvorfälle im Langdistanz(!) Triathlon gegeben hat, wenngleich jene Zeilen ziemlich blumig, fast schon etwas naiv, klingen. (Stichwort: alles nur „Kopfsache“). Einen kompletten Spoiler wollten wir an dieser Stelle jedoch nicht liefern!

Weltmeister? Interessiert Lucca nicht die Bohne!

Kompromisslosigkeit – sowieso eine seiner stärksten Charakterzüge. So wirken einige Situation und Handlungen von Frodeno, wie übrigens an vielen Stellen im Buch, im Nachhinein schlüssig. Etwa warum er 2016 nicht auf Teufel komm raus beim Ironman in Lanzarote gewinnen wollte, 2017 nicht einfach das Handtuch geworfen hat oder weshalb er seine geheimsten Trainingsansätze mit Nick Kastelein und später auch Terenzo Bozzone teilte. Jan Frodeno ist mit jeder Muskelfaser Wettkampftyp und motiviert – vielmehr noch – getrieben und gerade zu süchtig, jeden Tag besser zu werden, zu siegen. Wahnsinn? Vielleicht. Es gibt für ihn fast nichts schöneres, wie er es punktiert. Höchstens mit seinem Sohn Lucca zu spielen. Aber den interessiert es sowieso nicht die Bohne, wenn sein Papa am alles entscheidenden Hawaii-Tag acht Stunden ans Limit geht…

Was in den zahlreichen Interviews und TV-Auftritten immer mal wieder in Fragmenten spürbar ist, zieht sich durch das Buch wie ein roter Faden – Frodeno scheint irgendwie angekommen zu sein, wie man so schön sagt. Vielleicht noch nicht was die Kirsche auf der Sahnetorte im Sportlichen Sinne angeht, dafür in seiner Lebenseinstellung. „Sport ist ein Privileg“, sagt er, und sein „Körper sein Kapital“ – was bei vielen Textpassagen spürbar ist – Frodeno weiß um sein Glück. Nicht nur, dass es im Kopf beginnt.**

Im Schlussteil geht er schließlich nochmal auf einen wichtigen Aspekt ein: Kann man als zweifacher Ironman Weltmeister, Olympiasieger und Weltrekordhalter auf der Langdistanz überhaupt noch attraktive Ziele haben? Auf jeden Fall! Entgegen dieser meist etwas plump wirkenden Journalistenfrage, hat Frodeno definitiv noch offene Ziele auf seiner „bucket list„. Welche das sind, wollen wir an dieser Stelle nicht verraten. Nur so viel sei gesagt: Es gibt da zum Beispiel noch eine offene Rechnung mit einem alten Rivalen…

**PS: die Passagen über sein Mentaltraining sind spannend und mit konkreten Tipps gespickt

Fazit:

„Eine Frage der Leidenschaft – Mit Mut und Motivation zum Erfolg“ ist keine 0815 Autobiografie, die monoton Lebensmomente wie in einer Einbahnstraße abstottert. Vielmehr weiß es Frodeno, sein bewegtes Leben dynamisch, mit Zeitraffern und bildlichen Umschreibungen nachzuskizzieren. Ein Grundrauschen von Selbstironie und Understatement schwingt stets mit. Lediglich in ein, zwei Momenten wird es für den ein oder anderen wohl einen Tick zu heroisch wirken (sein Gönnerdasein bei Erfolg; Nachtläufe zur Angstbekämpfung). Dennoch reden wir hier von einem absolut lesenswerten Werk für Triathlonfans. Ob für hoch motivierte Nachwuchssportler, für die Frodeno’s Buch ein Manifest in Sachen Vorbildsfunktion sein kann, ob für die vielen tausend Altersklassenathleten, die sich den einen oder anderen Trainingstipp vom Weltmeister abholen wollen. Oder für seine Kritiker, die den ganzen Trubel um ihn noch nie nachvollziehen konnten, nun aber die Chance bekommen, den unglaublichen Nimbus um Jan Frodeno besser zu verstehen. 

Vielen Dank an Marcel Hilger, der mir das Bild für diesen Artikel zur Verfügung gestellt hat.

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28 Jahre, Freigeist, sportaffin, der irgendwas mit Marketing studiert hat, um nun doch auf den journalistischen Zug aufspringen zu wollen. Passionierter Triathlet ist er auch noch. Auf dem Sportsfreund Blog bloggt Sören rund um den Triathlonkosmos, philosophiert (mit anderen) über Trainingsstuff- und Lifestyle. Das Wichtigste: Hauptsache Du hast Spaß bei dem was Du tust.

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